SLYDE

Gothic und Rock Musik

Untitled - Korn

Untitled korn Album Kritik Zu Korn selbst muss man nicht mehr viele Worte verlieren: In konventioneller Besetzung und mit innovativen Ideen hat die kalifornische Band um Frontmann Jonathan Davis den Nu Metal in der Musikszene integriert und immer wieder ein Stück weit neu definiert. Trotz individuellem Sound und immer wiederkehrenden Strukturen schafften es die fünf Musiker mit einigen Alben, die Hörgewohnheiten der eingefleischten Fans auf den Kopf und sie selbst vor neue Entscheidungsfragen zu stellen, wie "Ist das noch Korn?" oder "Finde ich das gut?"

Das Mitte des Jahres 2007 erschienene Album "Untitled" kann dafür als exzellentes Beispiel dienen. Schon mit dem Intro wird durch leicht gegeneinander verstimmte Klänge in fallender Melodie und im Dreivierteltakt das skurrile Bild eines einladenden wie abstoßenden Panoptikums gezeichnet. Das den Einstieg beschließende Klavierspiel mündet unmittelbar in den treibenden Beat von "Starting Over" und den facettenreichen Wechselgesang von geheimnisvollem Sprechton über durchdringende Kopfstimme bis hin zu provokant tabulosem Geschrei, der den Korn-Sound maßgeblich mit geprägt hat. Trotz steigend verlaufender Gesamtdramaturgie über die laufende Basslinie, zunehmende Gitarrendichte und die Einschränkung melodiös anmutender Elemente stellt der zweite Song "Bitch we got a Problem" den ersten leichten Einbruch auf musikalischer Ebene dar, nach auf ganzer Linie überraschendem CD-Einstieg nun plötzlich typische Rockelemente und eine ernüchternd klare Liedstruktur. Sowohl vom Sound der Leadgitarre, vom Timbre der Stimme als auch vom harmonisch einfachen Gerüst ist eine Ähnlichkeit zu jüngeren Stücken von Marilyn Manson nicht von der Hand zu weisen.

Doch ehe man sich darüber klar zu werden in der Lage ist, liegt einem der dröhnende Bass von "Evolution" auf zurück fallendem Groove im Ohr, zwischen Apathie und Hatz wankt die organische Klangsubstanz von Distortion Guitar, Lead Vocals und Background Choir und steigert sich in eine gefällige und doch durch den harmonischen Hintergrund besonders klingende Bridge- und Chorus-Melodie. Einen wirklichen atmosphärischen Umbruch bringt jedoch der sechste Song der CD "Kiss". Dazu tragen zunächst neue instrumentale Elemente wie Geige und ein stark synthetisierter Grundgroove bei. Nach wiederholtem Hören strahlt jedoch schon der Einstieg des clean gespielten, leicht verstimmten und im Stereobild wandelnden Siebensaiters mit zitterndem Tap-Delay und großzügigem Hall eine zarte Bedrohlichkeit aus, eine unsichere Verträumtheit, die im von Dur dominierten und rhythmisch Sechszehntel schlagendem Refrain hemmungslos ausgenüchtert wird.

Hier spürt der Hörer die Konfrontation mit einer kontroversen Dualität, die nicht nur für den Songtext zwischen romantisch erhebendem Gefühl und reell niederdrückender Stagnation malerisch, sondern auch für das gesamte Album symptomatisch scheint. Denn auch "Do What They Say" behält diese Richtung bei. Ein leicht verstimmter, etwas blechern klingender Flügel setzt weitere neue Klangnuancen, im Stereo-Panorama der Gitarre kontinuierlich gegenüber gestellt, von stark manipuliertem Schlagwerk effektvoll gestützt. Beispielsweise wurden hier Snare Drum und Becken derart drastisch um ihren natürlich wirkenden Nachklang beschnitten, dass allein über den Rhythmus eine rigoros grotesk anmutende Stimmung erzielt wird, die ebenfalls wieder von der sehr liturgisch wirkenden Bridge gebrochen scheint.

Korn In "Ever Be" wird der drückende Bass-Sound aus "Evolution" wieder aufgegriffen und nun für stärker rhythmisierte Läufe verwendet. Ein schwebender, einem Theremin ähnlich klingender, Sound durchwirkt klagend die Kulisse der zweiten Strophe und das rasende, von mächtigem Gitarren- und Stimmgewitter überrannte Ende des Stückes. Nach Orgel, Geige, Klavier und vielen synthetisch modellierten hochqualitativen Sounds ist auch der Dudelsack von Jonathan Davis auf der Platte zu hören. Zu Beginn des Liedes "I Will Protect You" wurde das schottische Folklore-Instrument als Grundlage des hörbar in schwankender Tonhöhe manipulierten Sampleloops eingesetzt. Damit kann man Korn nicht vorwerfen, sie hätten bei "Untitled" an unterschiedlichen und Atmosphäre erzeugenden Klangfarben gespart, welche die, in sich schon sehr eigen produzierte, konventionelle Verbindung von Gitarre, Bass und Schlagzeug umfassend zu bereichern wissen.

Nachdem die beiden Vorgängeralben "Take a Look in the Mirror" und "See You on the Other Side" allgemeine Zweifel über die musikalisch qualitative Weiterentwicklung Korns hervor riefen, spaltet "Untitled" die Geister gewaltig. Die Einen sehen in dem Album eine umfassende Steigerung in klanglichen, produktionstechnischen und musikalischen Fragen, die Anderen eine Überkultivierung des studiobezogenen Aufwands, zu Ungunsten der im permanenten Live-Feeling treibenden Kraft Korns, die schon zu Anfang der Neunziger auf Konzerten mit Danzig oder Marilyn Manson Massen begeistern konnte.

Die Wahrheit liegt sicher irgendwo dazwischen. Korn hat sich mit "Untitled" noch einmal gewandelt. Die Songs der Scheibe mögen nicht die ideell innovative Dimension des Debüts "KoЯn" und von "Life is Peachy" fortsetzen, aber dafür bergen sie neue Schätze in Sounds, Beats und Klangfarben, die ihresgleichen suchen. In der Summe sind es meist nicht mehr so sehr die voran treibenden, die rockigen Songs mit fettem Brett und rollenden Kicks, die man so oder ähnlich von Korn schon gehört hat, sondern eher die langsameren Teile, die Akzente setzten und mit Momenten aufwarten, welche beim ersten Hören zum Innehalten bewegen, die mit klanglichen Finessen und durchdachtem Sounddesign überzeugen. Doch die Platte ist durch und durch Korn, ganz hörbar, und damit etwas für die Freunde breiter Gitarrenwände, sich überschlagender Drums und schonungslosem Stimmeinsatzes.

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